Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderung gesammelt von Martin Ebbing

Mit freundlicher Erlaubnis der Familie von Martin Ebbing darf ich die Texte hier verwenden. (zur Person von Martin Ebbing)

Behinderte und Sexualität

Diese Frage kann einen Nichtbehinderten in Verlegenheit bringen. Für Irritation sorgt nicht allein die Unkenntnis über die Lebensbedingungen von Behinderten, sondern die Vorstellung von Körpern, die nach den gängigen Schönheitsidealen alles andere als erotisch gelten. Sex findet zwischen Menschen mit strammen Brüsten, knackigem Po, breiten, muskulösen Schultern und Waschbrettbauch statt. Kleinere Unvollkommenheiten versucht man zu überdecken und werden mit einem beschädigten Selbstbewusstsein bestraft. Ein Buckel, unkoordinierte Motorik, deformierte Gliedmassen oder gar ein künstlicher Darmausgang liegen soweit ausserhalb der ästhetischen Normen, dass sich jede Assoziation mit Erotik verbietet.

Natürlichen haben Behinderte Sex. Warum auch nicht, denn eine körperliche oder geistige Abweichung vom Nichtbehinderten bedeutet schliesslich nicht, dass generelle menschliche Bedürfnisse nicht mehr vorhanden sind.
Allerdings haben Behinderte es nicht immer einfach, Sex zu haben. Mit einem Rollstuhl kann man nicht so einfach in die Büsche oder auf den Rücksitz eines Autos verschwinden. Es fehlen oft die eigenen, sturmfreien Wohnungen und in Pflegeheimen wurden sexuelle Wünsche bis in die jüngste Zeit als Tabu angesehen. In den letzten Jahren ist zwar die Akzeptanz gewachsen, aber die praktischen Barrieren sind damit noch längst nicht beseitigt.

Für eine Reportage zum Thema Behinderte und Sexualität suche ich derzeit zwei oder drei körperlich behinderte Personen, die bereit sind, selbstbewusst und offen über ihre Sexualität Auskunft zu geben.

Mich interessieren dabei u.a. folgende Fragen: auf welche Hürden stösst man, wenn man sich zu seinen sexuellen Wünschen bekennt? Gelingt es, diese Hürden zu überwinden / zu umgehen? Wenn ja, wie? Bestehen diese Schwierigkeiten vor allem in der allgemeinen gesellschaftlichen Isolation oder mehr in der Ablehnung eines „nicht intakten“ Körpers?
Welche Enttäuschungen muss man in Kauf nehmen? Da Körper und Sexualität eng miteinander korrespondieren – wie erlebt man als Behinderter seine eigene Körperlichkeit? Gibt es eine eigene „Behinderten-Sexualität“? Welchen Blick haben Behinderte auf die „normale“ Sexualität?

Mir liegt dabei sehr daran, das Thema nicht als Randgruppenproblematik darzustellen, sondern ich denke, „behinderte“ Sexualität ist nichts anderes als eine der vielfältigen Formen von Sexualität.

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